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Lotte sitzt vor dem vollen Napf, schnuppert einmal, dreht den Kopf weg und geht. Ich steh daneben, den Löffel noch in der Hand, die Dose gerade erst auf. Das war vor zwei Jahren, und ich hab die Szene seitdem öfter gesehen, als mir lieb ist.
Wenn eine Katze am Futter riecht, aber nicht frisst, dann war sie immerhin hungrig genug, um hinzugehen. Sie wollte. Irgendwas zwischen Nase und Maul hat dann gesagt, lass es, und genau dieses Irgendwas musst du finden. Das kann am Futter liegen, am Napf oder an der Katze selbst.
Sie geht hin, riecht, dreht ab, mehr hab ich damals am Telefon nicht gesagt. Unsere Tierärztin hat nur gefragt, seit wann, und dann, ob ich heute noch vorbeikommen kann. Sie sagt das so: Eine Katze, die einen ganzen Tag nichts frisst, schmollt nicht, die hat was. Und zwei Leckerlis zwischendurch ändern daran nichts. Das ist die 24-Stunden-Grenze, und bei Kitten, bei alten, kranken oder deutlich zu dicken Katzen liegt sie früher. Ihr Stoffwechsel kommt mit Hungern schlecht klar, das kann innerhalb von Tagen ernst werden, nicht Wochen.
Bei Zahnschmerzen ist das Riechen und Abdrehen geradezu typisch. Die Katze will, geht ran, und sobald sie sich vorstellt, da reinzubeißen, lässt sie es. Manche kauen nur noch auf einer Seite, andere lassen Brocken fallen oder sabbern. Lotte hat 3 Tage lang die getrockneten Filets liegen lassen, die sie mir sonst fast aus der Hand reißt, und am vierten Tag hab ich angerufen. Es war ein kaputter Backenzahn, und der kam noch in derselben Woche raus.
Eine verschnupfte Katze riecht nichts, und was sie nicht riecht, frisst sie nicht. Wenn deine Katze niest oder beim Atmen Geräusche macht, erklärt das die Szene am Napf ziemlich gut, und auch das gehört angeschaut.
Katzen, denen schlecht ist, machen genau dasselbe. Sie gehen hin, riechen, lecken sich über die Lippen, das war es dann. Was dahintersteckt, kann alles Mögliche sein, von harmlos bis gar nicht harmlos, und von außen kannst du das nicht unterscheiden. In der Sprechstunde geht das mit einem Blick ins Maul und einer Hand am Bauch oft schon.
Fremdkörper sind die unangenehmste Variante. Haargummi, Wollfaden, Geschenkband, ein Stück vom Spielzeug. Erbricht die Katze zusätzlich, ist sie apathisch oder fühlt sich der Bauch hart an, fährst du in den Notdienst, auch nachts.
Wenn die Katze sonst fit wirkt, spielt, trinkt, aufs Klo geht und dich morgens wie immer anbrüllt, darfst du dich dem Futter selbst zuwenden. Katzen entscheiden am Geruch, ob etwas Futter ist, der Geschmack kommt erst danach.
Kalt riecht halt fast nichts. Ich hab Lotte lange die angebrochene Dose direkt aus dem Kühlschrank hingestellt und mich gewundert, bis mir irgendwann auffiel, dass sie an warmen Tagen besser frisst. Ein Schuss warmes Wasser drüber oder 10 Minuten auf der Arbeitsplatte, und die Sache sieht anders aus. An sturen Tagen tut es bei Lotte auch ein Löffel von so einem Trinksnack über dem Futter, hauptsächlich wegen dem Geruch.
Eine Dose, die seit heute Morgen offen im Kühlschrank steht, riecht abends anders, und genau an der Schicht obendrauf schnuppert deine Katze. Frische Portion in einem kleineren Napf, dafür öfter. Dasselbe gilt für Trockenfutter aus dem großen Sack, der seit Wochen offen steht. Wie lange so ein Beutel offen bleiben darf, bevor er nicht mehr riecht, wie er soll, steht unter Lagerung von Snacks.
Manche Katzen lecken die Sauce ab und lassen die Stückchen liegen, andere fressen Pastete und drehen bei Gelee ab. Lotte mag keine Cremes, sie leckt einmal, setzt sich einen Meter weiter hin und putzt sich die Pfote, und ich darf das Schälchen wegwerfen.
Ob Katzen tiefe Näpfe wirklich stören, weil die Schnurrhaare beim Fressen den Rand berühren, da sind sich nicht mal die Fachleute einig. Ein flacher Teller kostet aber nichts, und bei Juri hat er immerhin gelöst dass er alles aus dem Napf rausschaufelt und dann vom Boden frisst.
Viele stellen den Napf dahin, wo eben Platz ist, oft der Flur, 2 Meter von der Katzentoilette. Keine Katze frisst gern neben ihrem Klo. Weg damit, in einen ruhigen Raum, nicht im Durchgang und nicht neben der Waschmaschine.
Plastiknäpfe nehmen mit der Zeit Gerüche an, jede Kratzspur hält Reste fest, und das riecht für die Katze. Keramik oder Edelstahl, täglich spülen. Bei Juri war es das, und unsere Tierärztin meinte, das wäre öfter die Lösung, als man denkt.
Eine Katze kann topfit sein, das Futter frisch und warm, und sie frisst trotzdem nicht, weil in ihrem Kopf gerade was anderes läuft. Besuch, Umzug, neue Möbel, der Hund meiner Schwester für einen Nachmittag. Auf Stress reagieren Katzen zuerst beim Fressen, lange bevor du sonst was merkst. Als im Frühjahr gegenüber die Baustelle anfing, hat Lotte ihren Napf zwei Tage lang nur angeschaut. Juri hat in der Zeit auf dem Router geschlafen, drei Tage am Stück. Der ist warm und steht hinten im Flur, weit weg von der Straße. Manche fressen dann nachts, wenn alles ruhig ist, und tagsüber gar nicht.
Katzen sind außerdem skeptisch gegenüber allem Neuen, Neophobie heißt das. Neue Sorte, neue Marke, neue Dose, selbst eine neue Form bei gleichem Inhalt. Sie beschnuppern es, drehen ab, und 3 Tage später fressen sie es, ohne dass du irgendwas geändert hättest. Die Katze will schlicht nicht an etwas sterben, das sie nicht kennt. Wer eine grundsätzlich mäkelige Katze zu Hause hat, kennt das in Dauerschleife, mehr dazu unter mäkelige Katzen.
Rein taktisch abdrehen können Katzen übrigens auch. Katze riecht, dreht ab, Mensch macht sich Sorgen, Mensch öffnet die Fischdose. Die Katze hat das in zwei Tagen gelernt, und du hast es ihr beigebracht. Das Gemeine ist dass Taktik und echte Übelkeit von außen erst mal gleich aussehen. Den Unterschied siehst du beim Snack-Test.
Im Mehrkatzenhaushalt wird es noch unübersichtlicher. Juri ist in einer Minute fertig und stellt sich dann neben Lottes Napf, und Lotte wartet inzwischen lieber, bis er weg ist. Das sieht nach keinem Appetit aus und ist nur Rangordnung. Getrennte Räume oder getrennte Zeiten, bei uns eine geschlossene Tür, solange Lotte frisst.
Den Trick hab ich aus der Tierarztpraxis mitgenommen. Nimm das eine Ding, für das deine Katze sonst über den Tisch läuft, bei Lotte ist das ein Stück getrockneter Fisch. Halt es hin und guck, was passiert.
Nimmt sie es und frisst es normal, spricht erst mal wenig für Nase oder Maul, und Hunger ist da. Beweisen tut das nichts, aber du kannst mit ruhigerem Puls an Futter, Napf und die Taktik-Frage gehen.
Lässt sie es nach dem ersten Bissen fallen, kaut einseitig oder schüttelt den Kopf, denk an die Zähne. Nimmt sie nur Flüssiges, den Saft aus der Dose, eine Brühe, aber nichts Festes, ruf an. Ich hab damals genau an diesem Punkt noch einen Tag gewartet.
Und wenn sie gar nichts nimmt, auch nicht das Lieblingsding? Dann ehrlich gesagt nicht mehr lange überlegen. Eine Katze, der richtig übel ist oder der das Maul wehtut, lässt meist auch Leckerlis liegen, und die 24 Stunden sind ab jetzt keine Richtschnur mehr, sondern die Obergrenze.
So würde ich es machen, wenn die Katze sonst einen fitten Eindruck macht:
Frisst sie wieder, bleib die zweiten 24 Stunden bei diesem Ablauf. Kommt die Szene dreimal in zwei Wochen, ruf trotzdem an, auch wenn sie zwischendurch frisst, weil Zähne genau so sind, mal tut es weh und mal nicht.
Eine Katze, die eine Mahlzeit auslässt, dann aber spielt, trinkt, schnurrt und am nächsten Morgen den Napf leer macht, hatte vermutlich einfach keinen Hunger. Im Sommer fressen viele Katzen weniger, Freigänger holen sich auch mal was bei der alten Dame am Ende der Straße, und manche wollen eben nicht um 18 Uhr fressen, nur weil du dann Feierabend hast.
Irgendwann hab ich den Napf in Ruhe gelassen und nur noch die Katze angeguckt. Eine, die sich versteckt, anders sitzt als sonst, sich nicht mehr putzt oder plötzlich nicht mehr aufs Sofa springt, ist nicht in Ordnung, auch wenn sie zwischendurch einen Happen nimmt. Und wenn eine mir morgens auf der Bettdecke steht und brüllt, geht es der ziemlich sicher gut.
Für die gilt sie nicht, da ist deutlich früher Schluss. Ein Kitten hat keine Reserven, eine alte oder kranke Katze auch nicht, und bei einer sehr dicken Katze wird die Leber zum Problem, sobald der Körper ans eigene Fett geht. Kommen Erbrechen, Durchfall, Apathie oder ein harter Bauch dazu, wartest du bei keiner Katze.
Wegstellen, nach etwa 20 bis 30 Minuten. Nassfutter, das stundenlang steht, riecht irgendwann so, dass selbst eine hungrige Katze abdreht. Lieber kleine Portionen und öfter anbieten, frisch aus der Dose.
Bei fast allen Katzen, die ich kenne, schon. Lauwarm riecht Futter deutlich intensiver, und Geruch ist das, worüber die Katze entscheidet. Ein Schluck warmes Wasser untergerührt reicht meistens, nur nicht heiß, und nicht in der Mikrowelle, da gibt es heiße Nester.
Bei uns wird seitdem nach 20 Minuten abgeräumt, egal wie viel noch drin ist, und Juri findet das unerhört. Wenn einer von beiden zweimal hintereinander abdreht, ruf ich an, bevor ich anfange, im Netz zu lesen, und ehrlich gesagt hat mich bei dem Anruf noch nie jemand für übertrieben gehalten. Die Nummer vom Notdienst ist seit dem Winter im Handy, unter N, direkt vor dem Nudelladen, bei dem wir freitags bestellen.
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