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Ich stand im Supermarkt zwischen zwei Dosen, auf beiden vorne „getreidefrei“ und „ohne Zucker“, und hab zum ersten Mal die Rückseite gelesen. Schriftgröße gefühlt 6. Bei der einen stand ziemlich weit hinten in der Zusammensetzung „Karamell“. Karamell, für eine Katze.
Die Karamell-Dose blieb im Regal, die andere hab ich mitgenommen und abends am Küchentisch in Ruhe gelesen. Lotte hat währenddessen unter dem Tisch meine Haargummis sortiert, nach einem System, das nur sie kennt, drei nach links, zwei unter den Herd. Zwölf Posten auf der Rückseite, und was davon ist jetzt Fleisch? Bei der Hälfte hätte ich nen Dolmetscher gebraucht. Seitdem lese ich Etiketten, ein bisschen nerdig ist das schon.
Katzenfutter ohne Zucker und Getreide erkennst du hinten, in drei Blöcken. Vorne steht Werbung.
Weil es dem Hersteller hilft. Zucker macht im Nassfutter vor allem Farbe, erhitzt wird er zu Karamell, und Karamell färbt die Stückchen braun, so dass sie nach Fleisch aussehen. Dazu bindet er Wasser, was halbfeuchte Snacks weich hält, und billig ist er auch. Dass Katzen ihn schmecken würden, ist ein Irrtum, Katzen haben gar keinen Rezeptor für süß. Der Zucker ist also für unser Auge da. Wer hat eigentlich entschieden, dass Katzenfutter braun aussehen muss? Wir, vermutlich. Beim Öffnen soll es aussehen wie Gulasch, und der Hersteller liefert, wonach wir greifen.
Getreide hat einen anderen Job. Trockenfutter braucht Stärke, damit die Kroketten beim Pressen zusammenhalten, und Getreide liefert sie günstig und in Menge, in Nassfutter steckt es als Mehl oder Kleie, damit die Pastete nicht auseinanderfällt und die Sauce dickflüssig wird. Ein Kilo Weizen kostet einen Bruchteil von einem Kilo Fleisch, und wenn der Fleischanteil sinkt, muss irgendwas den Napf füllen.
Gift ist Getreide trotzdem keins. Eine gesunde Katze kommt mit einem kleinen Anteil klar, und umgekehrt kann getreidefreies Katzenfutter randvoll mit Stärke sein, weil Kartoffeln, Erbsen oder Tapioka genauso Stärke liefern, bloß ohne das Wort Getreide auf der Packung. Die beiden Begriffe hab ich unter getreidefrei und zuckerfrei mal einzeln auseinandergenommen.
Die Zusammensetzung ist die Zutatenliste. Sie steht in absteigender Reihenfolge nach Gewicht, und zwar nach dem Gewicht beim Einfüllen, nicht nach dem, was am Ende in der Dose übrig ist. Frisches Fleisch besteht zu gut zwei Dritteln aus Wasser und rutscht deshalb gern auf Platz eins, auch wenn nach dem Kochen nicht mehr viel davon da ist.
Es gibt zwei Arten, diese Liste zu schreiben. Die offene Deklaration nennt jede Zutat beim Namen, Hühnerfleisch 60 %, Hühnerherzen 10 %, Karotte 3 %, Mineralstoffe, und du siehst, was drin ist und wie viel. Die geschlossene arbeitet mit Gruppen, und die sind erlaubt: Fleisch und tierische Nebenerzeugnisse, Getreide, pflanzliche Nebenerzeugnisse, verschiedene Zucker. Meine Dose vom Supermarkt war so eine. Ganz vorn „Fleisch und tierische Nebenerzeugnisse (davon 4 % Huhn)“, dann „pflanzliche Nebenerzeugnisse“, Mineralstoffe, Inulin, und ich saß da und wusste nach dem Lesen eigentlich nur, dass irgendwo in der Dose ein bisschen Huhn ist. Fleisch und tierische Nebenerzeugnisse kann Muskelfleisch sein oder Federmehl, je nach Charge. Hinter pflanzlichen Nebenerzeugnissen kann sich alles verstecken was bei der Verarbeitung von Pflanzen übrig bleibt, Kleie zum Beispiel oder die Pressreste aus der Zuckerfabrik, und von welcher Pflanze, stand bei meiner nicht dabei. Ich will deshalb eine Liste, in der beides schlicht nicht vorkommt, weder offen noch als Gruppe.
Prozentangaben sind nur Pflicht, wenn eine Zutat vorne beworben wird. Steht vorne „mit Huhn“, heißt das nach Branchenregel meist nur, dass mindestens 4 % davon drin sind, und genau diese Zahl muss hinten stehen, der Rest darf ohne bleiben. Bei meiner Dose war das genau so, vorne „mit Huhn“, hinten die 4 %, und sonst keine einzige Zahl. Nennt ein Hersteller bei jeder Zutat die Prozente, les ich das als gutes Zeichen. Muss er nicht, macht er trotzdem. Steht nur beim Huhn eine Zahl, frag dich, was die anderen 96 % sind.
Der zweite Block ist der mit den Prozenten, Rohprotein, Rohfett, Rohfaser, Rohasche, Feuchtigkeit, und der liest sich leichter, als er aussieht, wenn man die fünf Wörter einmal übersetzt hat.
Rohprotein ist der Eiweißgehalt, egal woher. Ob das Eiweiß aus Fleisch kommt oder aus Federmehl oder Weizenkleber, sagt die Zahl nicht, dafür brauchst du Schritt 1. Rohfett braucht keine Übersetzung. Rohfaser meint die Pflanzenfasern, die unverdaut durchgehen, ein hoher Wert im Nassfutter heißt meist viel Pflanzenzeug. Rohasche hat mich anfangs irritiert, da ist aber keine Asche drin, das ist der Laborwert für die Mineralstoffe, und viel davon heißt meist viel Knochen. Bleibt die Feuchtigkeit, beim Nassfutter irgendwo um 80 %, beim Trockenfutter unter 10 %.
Die Kohlenhydrate stehen nirgends. Zucker und Stärke muss kein Hersteller angeben, und genau deshalb rechne ich im Laden kurz nach, du nimmst 100 und ziehst alle fünf Werte ab, und der Rest, der in der Fachsprache stickstofffreie Extraktstoffe heißt, ist im Wesentlichen Stärke und Zucker. Bei meiner Dose stand da Feuchtigkeit 81,5 %, Rohprotein 9,8 %, Rohfett 4,6 %, Rohfaser 0,4 % und Rohasche 2,2 %, macht zusammen 98,5, bleiben 1,5 % übrig, und das ist wenig, ehrlich gesagt weniger, als ich nach der Zutatenliste erwartet hätte. Bleiben 8 oder 10 % übrig, steckt in der Dose mehr Stärke, als die Vorderseite verspricht. Die Rechnung ist grob, aber im Laden reicht sie.
Damit du Nass und Trocken vergleichen kannst, hilft die Trockensubstanz, also alles ohne Wasser. Meine Dose mit 9,8 % Rohprotein bei 81,5 % Feuchtigkeit hat in der Trockensubstanz rund 53 % Protein, die Tüte Trockenfutter, die bei uns noch im Schrank stand, mit 32 % Rohprotein bei 8 % Feuchtigkeit kommt auf knapp 35 %.
Der dritte Block heißt Zusatzstoffe, und da steht fast überall Vitamin D3, Taurin, Zink, auch bei richtig gutem Futter, weil eine Katze das halt braucht und beim Garen davon einiges verloren geht. Danach kommen die technologischen, Konservierungsstoffe, Verdickungsmittel wie Cassia, und zuletzt die sensorischen, also Farbstoffe und Aromen. Farbstoff braucht keine Katze, der ist für den Menschen, der die Dose aufmacht. Bei meiner standen da Vitamin D3, Taurin, Zink und ganz am Ende „Farbstoffe“, ohne Namen, und spätestens da war klar, dass die Dose nicht nochmal gekauft wird.
Zucker taucht mal bei den Zusatzstoffen auf, als Karamell zum Färben, und mal in der Zusammensetzung, und er heißt selten einfach Zucker. Das hier sind die Namen, bei denen ich hinschaue.
| Steht auf der Packung | Was dahintersteckt |
|---|---|
| Karamell | Erhitzter Zucker, dient als Farbstoff für die braune Fleischoptik |
| Melasse oder Zuckerrohrmelasse | Sirup aus der Zuckerherstellung, besteht fast nur aus Zucker |
| Zuckerrübenschnitzel | Pressreste aus der Zuckerfabrik, vor allem Faser, aber mit Restzucker |
| Dextrose, Glukose, Fruktose, Saccharose | Zucker mit Fachnamen |
| Glukosesirup oder Sirup | Flüssiger Zucker, hält halbfeuchte Snacks weich |
| Inulin | Ballaststoff aus der Zichorienwurzel, aufgebaut aus Fruchtzuckerbausteinen, kein Zucker im Sinne der Deklaration, taucht aber gern bei „ohne Zuckerzusatz“ auf |
| „verschiedene Zucker“ | Gruppenbegriff der geschlossenen Deklaration, kann jede Zuckerart sein |
Wenn nach den drei Blöcken etwas unklar bleibt, schreib dem Hersteller, die meisten antworten, und wie schnell und wie konkret, sagt auch schon was.
Genauso, Leckerlis sind Ergänzungsfuttermittel und tragen dieselben drei Blöcke wie das Hauptfutter, und bei Snacks lohnt das Hinschauen sogar mehr, weil da gern am meisten versteckt wird. Halbfeuchte Leckerlis bleiben oft weich, weil Zucker, Sirup oder Glycerin Wasser bindet, deshalb gerade hier in die Liste gucken. Knusperkissen halten ihre Form, weil Getreide oder Stärke sie zusammenhält.
Bei Snacks reicht oft schon ein Blick auf die Länge der Liste. Getrocknetes Fleisch oder getrockneter Fisch hat im besten Fall genau eine Zutat, und die steht dann mit 100 % da. Je länger die Liste bei einem Snack, desto mehr Fragen hab ich, und Katzensnacks ohne Getreide und Zucker haben meistens die kürzesten Listen. Welche Sorten ohne Getreide auskommen, siehst du unter Snacks ohne Getreide.
„Zuckerfrei“ klingt klar und ist es nicht. Milch hat Laktose, Karotte und Kürbis haben Fruchtzucker, selbst Leber bringt winzige Zuckerspuren mit, ein Futter mit Karotte ist also streng genommen nie zuckerfrei, auch wenn kein Mensch nen Löffel Zucker reingerührt hat. Solche Angaben müssen belegbar sein und dürfen nicht in die Irre führen, das ist die eine Regel aus dem Futtermittelrecht, die ich mir gemerkt hab, und deshalb steht auf ehrlichen Packungen „ohne Zuckerzusatz“. Es wurde kein Zucker zugesetzt, und was von Natur aus in den Zutaten steckt, bleibt drin.
Beim Getreide ist es einfacher, entweder es ist drin oder nicht. Wer vorne „ohne Zucker“ liest und zufrieden die Dose in den Korb legt, hat Schritt 1 übersprungen, und ob das bei der Karamell-Dose vor mir schon mal jemandem aufgefallen war weiß ich nicht, sie stand ganz vorn im Regal, und der Stapel war schon ziemlich angegriffen.
Katzen sind Fleischfresser und brauchen sehr wenig Kohlenhydrate, ein kleiner Anteil schadet einer gesunden Katze aber nach allem, was ich gelesen hab, nicht. Mich stört eher, wenn Getreide an zweiter Stelle steht und das Fleisch irgendwo hinter den Mineralstoffen, dann füllt es den Napf und hält nicht bloß die Pastete zusammen.
An vielem, und die wichtigen Gründe klärt ein Tierarzt mit Waage und Blutbild. Vom Etikett her bringt dich die Rechnung aus Schritt 2 weiter, weil getreidefreies Futter oft Kartoffel oder Erbse als Stärkequelle hat. Und die Snacks zwischendurch zählen mit, bei uns war das lange der blinde Fleck.
Erst mal nur, dass kein synthetischer Farbstoff drin ist. Karamell kann trotzdem drin sein, weil er aus Zucker gemacht wird und damit als natürlich durchgeht. Guck also in Zusammensetzung und Zusatzstoffe, bei Karamell sind beide Stellen möglich.
Inzwischen dauert das Umdrehen und Lesen keine Minute, und ein Ernährungsprofi muss man dafür nicht sein, nur ein bisschen stur, sagen wir mal stur genug, um die Dose auch dann noch zu Ende zu lesen, wenn nebenan schon jemand vor dem leeren Napf sitzt und laut wird. Wenn du bei Snacks anfangen willst: Kittysnack sortiert die Sorten ohne Zuckerzusatz auf einer eigenen Seite, Snacks ohne Zuckerzusatz. Die drei Blöcke stehen da auch hinten drauf, wie überall.
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